Künstlerischer Leiter der Muziek Biennale Niederrhein

MUSIKEVOLUTIONSVERÄSTELUNGSBAUM

Tim Isfort

"Kürzlich bin ich an einem Samstagabend vor dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen gelandet und blieb bei einer gruseligen Schlager-Mammutshow völlig fasziniert kleben: 2016 hören, konsumieren, leben offenbar Millionen von Zeitgenossen noch immer die gleichen Gassenhauer wie ihre Eltern und Großeltern. Etwas „zeitgemäßer“ verpackt, „modernisiert“ zwar - aber ich empfand es wie eine Zeitreise in eine musikalische Steinzeit. Dasselbe Phänomen sehe ich jedoch auch bei Jazz-, Klassik-, Rock-, Punk- oder „Neue Musik“-Hörern: selbst wenn Stones, Hosen, sogar ein Keith Jarret im Laufe der Jahre Gegenstand dessen werden, wogegen sie in Sturm und Drang einmal angetreten sind, vermittelt die damit sozialisierte und inzwischen arrivierte Generation ihrer Nachkommenschaft heute, wie cool und modern ihre Helden noch immer seien…
Wir laufen offenbar Gefahr, uns irgendwann zufriedenzugeben, uns nicht mehr auseinanderzusetzen, dem Unerhörten aus dem Weg zu gehen. Vielleicht hatte ich Glück damit, dass ich lange in die andere Richtung, die Vergangenheit, geblickt, nicht immer die neuesten Platten einstiger Helden gehört habe.
Der Musikevolutionsverästelungsbaum scheint auch in umgekehrter Richtung immer mehr Verzweigungen, Verwurzelungen zu haben - so viele, dass ich mit der Zeit immer weniger über Musik zu wissen glaube. Klar, Bach hatte ja alles schon gesagt, vermutlich selbst die Zukunftsmusik aus der Weltraumschmugglerkneipe aus dem ersten (also vierten) Star Wars Film taucht sicher in irgendeiner Fuge auf. Aber vielleicht entsteht doch noch etwas Neues, wird etwas erneuert, wenn neue Komponenten, Spieler, Denker, Stile, Kulturen aufeinandertreffen und in einen ernsthaften Dialog treten. So erlebe ich es seit einigen Jahren mit der bamarischen Musik Myanmars, die durch die fast 50-jährige Isolation des Landes wie konserviert schien: immer wenn ich bereit war, alles Gelernte, alle Regeln über Bord zu werfen, entstanden unerhörte Momente, teilweise unerklärliche Zukunftsmusik. Das hätte ich natürlich ohne den Schlager der Siebziger nie bemerkt…"

„We lopen duidelijk het risico om op een gegeven moment in de gezapigheid te belanden, niet meer de dialoog te zoeken en het onbekende uit de weg gaan. Misschien heb ik geluk gehad dat ik lang de andere kant op heb gekeken, naar het verleden, en niet altijd de nieuwste hits van de toenmalige helden heb gehoord. Natuurlijk, Bach heeft alles al gezegd, vermoedelijk duikt zelfs de toekomstmuziek uit de Mos Eisley Cantina van de eerste (en vierde) Star Wars-film in een of andere fuga op. Maar misschien ontstaat er toch nog iets nieuws, wordt er iets vernieuwd, wanneer nieuwe componenten, spelers, denkers, stijlen en culturen elkaar ontmoeten en serieus met elkaar in gesprek gaan. Zo ervaar ik dat sinds enkele jaren met de muziek van de Bamar in Myanmar, die door de bijna 50 jaar lange isolatie van het land wel geconserveerd leek: altijd als ik bereid was om alles wat ik geleerd had, alle regels overboord te gooien, ontstonden ongelofelijke momenten en deels onverklaarbare toekomstmuziek.“

Tim Isfort, Musiker, Komponist, Produzent